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Eigentlich geht´s mir ganz gut – aber was hilft bei Corona-Trübsal und Lockdown-Frust?

„Aufgrund der aktuellen Situation“ – so beginnen unzählige Hinweise auf Schutzmaßnahmen, Schließungen, Regelungen, Warnungen bezogen auf die Covid-19-Pandemie. Wie soll man dabei noch mental fit bleiben, selbst wenn man sich selbst körperlich gesund fühlt?

Mancher genießt, dass er im Home-Office das lästige Pendeln im Berufsverkehr aussitzen kann. Ein anderer durchlebt explosionsartige Verwerfungen in seinem Leben durch Verluste und Existenzsorgen. „Wir neigen dazu, unsere Situation und unser Erleben auf andere zu übertragen. Für jeden bedeutet die Pandemie aber etwas anderes“, meint Anja Hempel, unsere Diplom-Psychologin im premolab-Team.

Wer schon immer Geldnot hatte oder seinen Arbeitsplatz gerade verloren hat, bringt kaum Verständnis für das Wehklagen über einen wegen Reiseeinschränkungen abgesagten Skiurlaub auf. Tipps für die möglichst angenehme Gestaltung eines Home-Office-Arbeitsplatzes können verstörend auf jemanden wirken, der bei seiner täglichen Arbeit einem hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt ist oder in der Patientenversorgung das Leiden Erkrankter und ihrer Familien miterlebt. Gleichzeitig ist für manche nicht vorstellbar, wie andere, die weiterhin ein augenscheinlich komfortables Leben führen, der Verlust von sozialen Kontakten und die Sorge um gefährdete Angehörige oder die eigene Gesundheit schmerzlich zusetzt.

Alle können auf die eine oder andere Weise sehr betroffen sein. Eben auch, wenn weder sie selbst noch jemand im Umfeld direkt infiziert oder gar erkrankt ist. „Unabhängig von der Einkommens- und Familiensituation sind die Auswirkungen auf die soziale Lebenswelt dann trotzdem für die meisten enorm, das ist so banal wie wahr“, sagt die Kommunikationsexpertin Anja Hempel und fügt hinzu: „Von der Sehnsucht nach Normalität getrieben, haben wir aber auch viele Möglichkeiten, diesen Belastungen aus eigener Kraft etwas entgegenzusetzen.“

Aus dem Herzen bloß keine Corona-Grube machen

Miteinander reden, über Belangloses und Bewegendes, das braucht der Mensch. Wie soll das gehen, wenn man nur eine haushaltsfremde Person treffen darf? Wenn die Nerven in der schon lange zu kleinen Wohnung bei ihren Bewohnern zum Zerreißen gespannt sind? Beziehungsprobleme mit Partner oder Partnerin können wie unter einem Brennglas aufflammen. Organisation und Logistik im sonst so virtuos orchestrierten Patchwork-Familienalltag enden zwischen Quarantäne, Reiseeinschränkung und Warten auf Testergebnisse manchmal im Missklang. Was, wenn die Einsamkeit mit bedrückender Stille in den vormals lebhaften Single-Haushalt unerwünscht per Corona-Verordnung eingezogen ist?

Es hilft eben nichts – außer Reden. Alle Achterbahn- und auch alle Talfahrten der Gefühle aufgrund der Pandemie sind ein guter Grund, sich auszutauschen. Wenn es sein muss, eben auch über digitale Medien. Gründe für die eigene Gereiztheit zu erklären, Ängsten ein paar beschreibende Worte zu verleihen, dem anderen das Mitfühlen zu ermöglichen. Damit nichts „in den falschen Hals“ gerät, empfehlen sich im zwischenmenschlichen Stressfall drei Schritte:

Was ist gerade passiert?

„Du bist ins Zimmer gekommen und hast mich etwas zum Einkaufszettel gefragt.“

Was hat das bei mir ausgelöst?

„Das hat mich total genervt, weil mir die Kleine heute schon im Minutentakt am Ohr hing. Sie hatte die Deutschaufgabe im Wochenplan nicht verstanden. Dabei muss ich in einer halben Stunde diese Tabellenkalkulation fertig haben. Ich habe Dich deshalb angefahren, und das tut mir leid.“

Was wünsche ich mir?

„Ich fände es gut, wenn wir das in meiner Mittagspause besprechen können. Was hältst Du davon, wenn wir uns bei der Betreuung des Home-Schooling tageweise abwechseln, so dass jeder von uns einen planbaren Arbeitstag hat, auf den er sich schwierige Aufgaben und Telefonate legen kann?“

Dieses Vorgehen ist ein gutes Training dafür, souveräner mit Stimmungsschwankungen umzugehen. Überschießende Reaktionen und Auslöser werden getrennt voneinander betrachtet und der Blick auf mögliche Lösungen gelenkt. Es ist kein Ulk, manchmal verstehen wir uns einfach selbst besser, wenn wir hören, wie wir auf diese Weise einem anderen unsere Gefühlslage beschreiben.

Am weltbesten Tagesplan entlanghangeln

Was der weltbeste Tagesplan ist? Der mir am besten passt. Struktur und die Abgrenzung von Anspannung und Entspannung ist wichtig und bringt wohltuende Ordnung in den Kopf, aber immer auf individuelle Art und Weise. Wie verhält sich mein Biorhythmus und welche Möglichkeiten habe ich, ihm elegant zu folgen?

Wer berufstätig oder schulpflichtig am heimischen Schreibtisch sitzt, kann möglich gewordene Freiheiten nutzen, die ihm mehr Leistung mit weniger Anstrengung hervorbringen lassen. Auch wer in Krisenzeiten auf Jobsuche ist, wird spüren, zu welchen Zeiten die Recherche und Bemühungen um Kontakte mehr Nutzen bringen. Einfach, weil die eigene Energie und Ausdauer dann besser sind. Gewohnheitsmäßig weniger ergiebige Tageszeiten sollten ausdrücklich und vor allem vollkommen ohne schlechtes Gewissen der Ablenkung und Erholung vorbehalten sein.

Nehmen wir an, in einer Familie leben zwei Kinder im home-school-pflichtigen Alter. Das eine ist ein Morgenmenschlein und um sieben Uhr in der Früh der Erste seiner Familie am Schreibtisch. Das andere wird erst nachmittags aktiv und erledigt seine Schulaufgaben motiviert und konzentriert am besten, wenn es draußen längst wieder dunkel geworden ist. Wunderbar. So können sich beide im Home-Schooling gegebenenfalls ein Notebook teilen und fordern nicht gleichzeitig Unterstützung vom ohnehin gestressten Elternteil. Wer sagt, dass alle Schüler – wie beim Präsenzunterricht – im üblichen Rhythmus zwischen 8 und 15 Uhr lernen müssen?

Den Körper pflegen und dem Lustzentrum im Kopf etwas bieten

Sportliche Aktivitäten oder ein gemütlicher Spazierspaziergang, um winterlich rares Sonnenlicht einzufangen? Das hebt die Stimmung und hilft, sich gesund zu erhalten. Aber ein anspruchsvoller Trainingsplan für einen noch zu formenden Astralkörper oder die ersehnte Ultramarathon-Ausdauer, um im Lockdown frei verfügbare Zeit auch wirklich effektiv zu nutzen? Sicher nicht für jeden etwas. Wer sich unrealistische Ziele setzt, wird sich Kummer beim Scheitern von Vorsätzen einhandeln. Nur was sehr schnell und unmittelbar als persönlicher Gewinn erlebt wird, hat die Chance, als gesunde Alltagsroutine pandemiebedingte Ausnahmezeiten zu überdauern. Also lieber kleinschrittige Ziele setzen.

Nicht nur frische Luft und Bewegung tun gut. Auch andere Dinge mit Lustpotenzial machen einen eingeschränkten Alltag lebenswert und begeistern unsere „Glückssensoren“. Und damit sind natürlich weder übermäßiger Konsum von Alkohol noch illegale Adrenalin-Kicks gemeint. Ein neues Hobby beginnen, eine Online-Geburtstagsparty organisieren, sich an Do-it-yourself-Projekte wagen, ein „gestreamtes“ Musikkonzert genießen, sich etwas dem Geldbeutel angepassten, herrlich unvernünftigen Luxus gönnen vielleicht?

Vorsorge für die psychische Gesundheit

Die Bundespsychotherapeutenkammer hatte bereits wenige Monate nach Ausbruch der Pandemie die Forschungslage zu psychischen Folgen und Tipps für die Lebensführung zusammengestellt. Wer sich hierzu genauer belesen will, findet die empfehlenswerte Veröffentlichung mit dem Titel „Bleiben Sie psychisch gesund – auch in Corona-Zeiten“ auf der Webseite der Organisation.

Und wenn einfache Tipps zur Lebensführung der Psyche nicht mehr helfen?

Wer merkt, dass seine psychischen Beanspruchungen im Alltag, Trauer oder akute Krisen sich allein nicht mehr gut bewältigen lassen, sollte professionelle Hilfe suchen. Quälendes Grübeln oder Gefühle von Hoffnungslosigkeit können Anzeichen für gut behandelbare Beeinträchtigungen sein. Eine psychotherapeutische Praxis in Wohnortnähe ist zum Beispiel über die Kassenärztliche Vereinigung, die Landesärztekammern oder die Psychotherapeutenkammern zu finden. Manche Praxen bieten auch Videosprechstunden an.

Bleib gesund – physisch und psychisch.

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